Dokumentationen über Fußballer gibt es en masse. Gerade in den letzten Jahren erschienen zahlreiche Streifen über die Helden der jüngeren Vergangenheit. Mal gut, mal weniger gut. Richtig kritisch waren sie nie. Gerade die Stücke des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks dienten teilweise der Selbstinszenierung. Being Jerome Boateng war der traurige Tiefpunkt einer jahrelangen Entwicklung. Die Doku über Mesut Özil ist anders. Der Hauptgrund hierfür ist, dass der Protagonist, der Zauberfuß aus Gelsenkirchen, der Weltmeister von 2014, nicht darin zu Wort kommt. Das spricht erstmal für die Doku. Sie ist kein Geschenk zur Image-Aufpolierung, sie widmet sich auch nicht hauptsächlich der fußballerischen Klasse des Zehners, der als einziger Spieler in den drei größten europäischen Ligen jeweils die meisten Torvorlagen in einer Saison sammelte. Nein, die Doku widmet sich einem wichtigeren Thema: Der Rolle Özils im deutschen Fußball und der Gesellschaft.

Sportpolitisch gab es in den letzten Jahrzehnten kein größeres Reizthema. Özil wurde während seiner Karriere permanent als Deutschtürke symbolisiert, war stets unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit, galt als Vorzeigebeispiel für Integration, nahm als erster deutscher Nationalspieler mit türkischen Wurzeln an einer WM teil, war Vorbild für Millionen Jugendliche mit Migrationshintergrund, aber war auch permanent rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Die Geschichte ist bekannt. Sie wurde oft erzählt. 2018 kam es zum großen Bruch. Özil posierte mit dem türkischen Präsidenten und Autokraten Erdogan für ein Foto und wurde daraufhin von der deutschen Presse und der AfD zerrissen. Große Teile der deutschen Bevölkerung zeigten sich daraufhin von Özil enttäuscht, nicht kleine Teile offenbarten sich ihm gegenüber offen rassistisch. Özil holte zum Rundumschlag aus, rasierte Presse, DFB und die Gesellschaft und kehrte seinem Geburtsland den Rücken zu.

Kann man das verstehen? Angesichts des Hasses, der ihm entgegen schlug, absolut. Hätte er es besser machen können? Definitiv. Der große Kommunikator war er noch nie. Die Interviews, die er im Laufe seiner Karriere auf Deutsch gegeben hat, lassen sich an einer Hand abzählen. Das letzte war 2017. Andererseits sei die Frage erlaubt: Ist es die Aufgabe eines Fußballers, Stellung zu beziehen zu Themen, die weit über den Fußball hinausgehen, die das Land seit Jahrzehnten prägen und die heute, in Zeiten von AfD-Wahlergebnissen über 20 Prozent, präsenter sind denn je? Eher nicht. Schön wäre es natürlich gewesen, wenn Özil das Gespräch gesucht hätte. Gündogan zeigte sich nach dem Foto einsichtig und fügte sich. Sechs Jahre später führte er die Nationalmannschaft als Kapitän bei der Heim-EM aufs Feld.

Doch Gündogan und Özil sind grundverschiedene Charaktere. Gündogan war schon immer intellektuell angehaucht, auf dem Platz war er die rechte Hand Pep Guardiolas, neben dem Platz war er eloquent. Özil zeigte sich weder auf noch neben dem Platz gerne in der ersten Reihe. Er galt immer als schüchtern, auch auf dem Platz ließ er lieber andere glänzen als selbst im Mittelpunkt zu stehen. Verwundert es daher, wenn dieser Mensch, dem jahrelang eine Rolle zugetragen wurde, die offensichtlich zu groß für ihn war, eben nicht die offene Diskussion sucht, sondern sich bedeckt hält und den Konflikt mit sich selbst austrägt? Nein.

Özil kommunizierte zunächst nur auf dem Platz. In 92 Länderspielen zeigte immer seine Leistung, gehörte auch beim blamablen Vorrunden-Aus bei der WM 2018 zu den Leistungsträgern. Seine Rolle beim WM-Sieg 2014 wird im Nachhinein gerne heruntergespielt. Dabei sind sich Protagonisten wie Philipp Lahm oder Jogi Löw einig: Ohne Özil wären wir nicht Weltmeister geworden. Özil sah seine Rolle auf dem Platz und erfüllte dort seine Aufgaben mehr als ordentlich. Er war der Spielmacher, der mit messerscharfen Pässen Abwehrketten auseinandernahm und trotz hängender Schultern aus dem Nichts Spiele beschleunigen und entscheiden konnte. Abseits des Platzes hätte er mehr Führung gebraucht. Vom DFB. Vom Bundestrainer. Von seinem Mannschaftskapitän. Doch weder der Verband mit über einer Million Mitglieder mit Migrationshintergrund, noch der Weltmeister-Trainer, dessen Worte in der Öffentlichkeit auch 12 Jahre nach dem größten Erfolg immer noch respektvoll zitiert werden, noch der Teammanager, der sich um genau solche Themen zu kümmern hat, noch der Kapitän Manuel Neuer, der auf die gleiche Schule wie Özil ging und ihn und seinen Charakter bestens kannte, stellten sich vor ihn. Sie ließen ihn fallen.

Womöglich haben sie die Situation damals unterschätzt. Bierhoff und Löw zeigten sich in der Doku nachdenklich und enttäuscht, ihnen ist anzumerken, dass sie die Situation heute anders lösen würden. Grindel als ehemaliger DFB-Präsident zeigte keinerlei Anzeichen von Reue. Neuer, damals wie heute eine Lichtgestalt des deutschen Fußballs, kam in der Doku nicht zu Wort. Das ist traurig. Genauso wie der weitere Verlauf in der Causa Özil. Nach seiner Abkehr vom Geburtsland Deutschland empfing ihn die Türkei und allen voran Autokrat Erdogan mit offenen Armen. Agierte Özil naiv? Sicher. Kann man seine Taten daher relativieren? Nein. Spätestens das Tattoo der Grauen Wölfe symbolisiert, wie weit er sich von seinen Wurzeln entfernt hat. Mit Ende 30 ist nur er allein für seine Taten verantwortlich. Es zeigt aber auch, wozu es kommen kann, wenn eine Gesellschaft einen Menschen fallen lässt.

Im Grunde ist es eine traurige Geschichte, die jedoch noch nicht zu Ende erzählt ist. Der WM-Triumph ist zwölf Jahre her, sechs der 23 Weltmeister sind immer noch aktiv. Über zwei davon, Mario Götze und Thomas Müller, gibt es bereits Dokumentationen. An das Niveau der Özil-Doku kommen beide nicht heran. Zum einen, weil sie vor Karriereende gedreht wurden. Zum anderen, weil die Protagonisten, ein WM-Siegtorschütze und der Rekordspieler des FC Bayern München, gesellschaftlich irrelevanter waren als Özil. Gerne würde man an dieser Stelle darüber diskutieren, wer dieser drei Fußballer der beste war. Darüber, dass es nie einen besseren Zehner in Deutschland gegeben hat als Özil. Doch diese Debatte kann nicht seriös geführt werden, sie wird überschattet von Özils Weg, der so viel mehr über unsere Gesellschaft aussagt als über Fußball. Er erzählt von der Begeisterung für eine bunte Gesellschaft Anfang der Zehner-Jahre, vom Aufstieg der AfD seit 2015, vom Alltagsrassismus, den jeder Mensch mit Migrationshintergrund in Deutschland mal erlebte, von Identität, von Rückzug und von Entfremdung.

Özils Weg ist beispiellos. Doch er könnte sich genauso wiederholen. Die öffentliche Debatte ist 2026 noch rauer als 2018. Die AfD erzielt bei Wahlen längst über 20%. Nationalspieler mit Migrationshintergrund wie Antonio Rüdiger werden nach wie vor anders bewertet als ihre bio-deutschen Kollegen. Das zeigt sich immer dann, wenn sie mal nicht so erfolgreich sind. Die Medien haben daran einen Anteil, doch auch der DFB hat sich kein Stück verbessert. Statt seine Spieler zu schützen, hüllt er sich in Schweigen. Nein, Krisenkommunikation gehört weiterhin nicht zu den Stärken des Verbands. Rassistische Beleidigungen gibt es sowohl in Europa, etwa im Champions League Duell zwischen Benfica und Real Madrid, als auch in Deutschland, etwa in der 1. Runde der diesjährigen DFB-Pokal-Saison. Wann es zum nächsten Vorfall kommt, ist nur eine Frage der Zeit.

Özils Weg sollte uns daher als Warnung gelten. Damit er sich nicht wiederholt, sind wir als Gesellschaft, ist jeder Einzelne gefordert. Oder um es mit den Worten von Leon Goretzka aus einem 11FREUNDE-Interview von 2019 zu sagen: "Wir müssen aktiv sein, wir dürfen nicht weghören, wir müssen Rassisten mit dem Gesagten konfrontieren."

Keep Reading