Joshua Kimmich steht nach einem Champions-League-Spiel in der Mixed-Zone und bekommt eine Frage zum möglichen Boykott der WM in den USA gestellt. Kimmich antwortet mit einem schelmischen Grinsen, dass er sich nicht mehr an politischen Diskussionen beteilige, weil das "nicht zielführend" sei, wie man bei der WM in Katar gemerkt habe.

Von deutschen Medien wird er daraufhin kritisiert. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft habe Verantwortung zu übernehmen, auch bei unbequemen Themen. Nicht nur von Blättern wie BILD oder FOCUS bekommt er auf den Deckel, auch von 11FREUNDE hagelt es Kritik.

Was uns mal wieder zur Frage bringt, wie politisch der Fußball sein muss. Dass die USA als Gastgeber nach den tödlichen Schüssen von ICE-Agenten in Minnesota, nach dem Regierungssturz in Venezuela, nach der angedrohten Annexion Grönlands ein umstrittener Gastgeber ist, dürfte jedem klar sein. Doch ist es die Aufgabe eines Spielers, hier die Verantwortung zu übernehmen und eine politische Debatte rund um einen möglichen Boykott zu führen? Oder fällt das nicht eher in den Aufgabenbereich eines DFB-Präsidenten, eines Außenministers oder der FIFA?

In dieser SLALOM-Ausgabe schauen wir genau hin. Wir nehmen Kimmichs Aussagen zum Ausgangspunkt und fragen, warum die Boykott-Debatte gerade jetzt Fahrt aufnimmt. Wir beleuchten, welche Rolle Spieler dabei einnehmen sollen oder eben nicht. Und wir analysieren, wie deutsche Medien aus einem kurzen Interview eine grundsätzliche Frage an Verantwortung, Haltung und Deutungshoheit machen.

Lesestoff aus verschiedenen Perspektiven:

Hier gibt’s was auf die Ohren:

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In aller Kürze:

@br24

WM boykottieren oder WM abfeiern? Was meinst Du? #fußball #FifaWorldCup #WeAre26

@kicker

Oke Göttlich aus dem DFB-Präsidium hatte angesichts der Lage in den USA einen möglichen WM-Boykott ins Spiel gebracht. #kicker #wm2026 #df... See more

Eine letzte Kurve:

Der Zeitpunkt dieser Debatte ist kein Zufall. Wenn Bernd Neuendorf sagt, jetzt sei „nicht der richtige Moment“, drängt sich eine einfache Gegenfrage auf: Wann dann? Fünf Monate vor dem Turnier ist nicht zu früh, sondern der letzte sinnvolle Moment. Direkt vor oder während der WM, wie in Katar, wäre es wieder zu spät. Genau daraus haben Spieler und Verband gelernt. Oder hätten es lernen sollen.

Joshua Kimmichs Rückzug aus politischen Diskussionen ist daher legitim und konsequent. Er schützt sich, weil er weiß, wie gnadenlos medial personalisiert wird. Das muss man respektieren. Spieler dürfen sich auf den Sport konzentrieren. Funktionäre dürfen das nicht. Sie sind genau für diese Fragen da. Dass DFB-Vize-Präsident Oke Göttlich für das bloße Anstoßen einer Debatte intern gerügt wird, spricht jedoch Bände. Hinzu kommt eine bemerkenswerte Doppelmoral in Teilen der Berichterstattung. Dieselben Medien, die 2022 die Symbolpolitik von Katar als peinlich, wirkungslos oder naiv abgetan haben, verlangen nun wieder klare Haltungen von Spielern. Damals hieß es, Fußballer sollten Fußball spielen. Heute heißt es, Kapitäne müssten Haltung zeigen.

Einen Boykott der WM wird es nicht geben. Dafür sind die Abhängigkeiten zu groß, die Machtverhältnisse im Weltfußball zu klar und die Erfahrungen aus Katar zu abschreckend. Genau das weiß auch der DFB. Aber daraus folgt nicht, dass man die Debatte verweigern kann. An der WM teilzunehmen heißt zwangsläufig, Teil eines hochpolitischen Ereignisses zu sein. So zu tun, als ließe sich dieses Turnier unpolitisch bestreiten, ist unrealistisch. Das hat nichts mit moralischer Überhöhung zu tun, sondern mit der Realität dieses Gastgeberlandes. Wenn der DFB darüber nicht sprechen will, überlässt er die Deutung anderen. Dann wird nicht gestaltet, sondern reagiert. Und genau das hat schon in Katar nicht funktioniert.

Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.

Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.

Bis bald,

Dein SLALOM-Team

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