Morgen bricht die letzte Woche des Afrika-Cups an, und während Gastgeber Marokko nach den Sternen greift, zeigt uns das Turnier etwas, das wir in Europa fast vergessen haben: Dass Fußball auch ohne Stock im Arsch funktioniert.

Während wir Turniere in Deutschland erst dann zu Festen erklären, wenn wochenlang die Sonne scheint und die Mannschaft sensationell ins Halbfinale stürmt, besitzt der Afrika-Cup eine andere Mentalität. Es herrscht eine Kultur der Lebensfreude, die sich nicht sofort an der nächsten Pride-Binde oder einer überharten Katar-Kritik abarbeitet, sondern das Menschliche feiert – den Tanz, die Musik und das pure Stadionerlebnis.

Doch SLALOM wäre nicht SLALOM, wenn wir nur die Fan-Choreos feiern würden. Denn hinter der Leichtigkeit steckt ein knallhartes Politikum: Marokko baut für Milliarden die modernsten Arenen der Welt, während die Generation Z auf die Straße geht, weil sie lieber Krankenhäuser statt Flutlichtmasten hätte.

Was kann Europas Fußball also lernen? Vielleicht, dass wir die Verbissenheit ablegen müssen – ohne dabei blind für den Preis des Glanzes zu werden.

Vorhang auf!

Lesestoff: Zwischen Hochglanz und Hinterhof

Hier gibt’s was auf die Ohren:

Das Auge spielt mit:

SLALOM-Sechserkette: Die sechs kuriosesten Geschichten des Afrika-Cups 2025/26

In der heutigen Sechserkette suchen wir sechs Momente, die zeigen, dass der Afrika-Cup in Sachen Kuriosität in einer eigenen Liga spielt. Keine Taktik-Analysen, nur der pure Wahnsinn zwischen Kabine und Tribüne:

  1. Das kamerunische Kader-Lotto In Kamerun tobte ein beispielloser Machtkampf zwischen Verbandschef Samuel Eto’o und Trainer Marc Brys, der darin gipfelte, dass zwei rivalisierende Kader nominiert wurden. Eto’o bootete Stars wie André Onana aus persönlichen Ressentiments aus, während Brys seine Entlassung schlicht nicht akzeptierte und darauf beharrte, weiterhin im Amt zu sein.

  2. Die Statue der Trauer Der kongolesische Fan Michel Nkuka Mboladinga wurde weltberühmt, indem er während der Spiele 90 Minuten lang völlig regungslos wie eine Statue auf der Tribüne verharrte. In Anlehnung an den Freiheitskämpfer Patrice Lumumba hielt er seine Pose eisern durch, bis ihn das späte Gegentor im Viertelfinale emotional erschütterte und die Statue vor laufenden Kameras „einstürzte“.

  3. Ugandas Torhüter-Verschleiß Im Spiel gegen Nigeria erlebte Uganda eine Torwart-Not, wie man sie sonst nur aus der Kreisliga kennt. Nachdem sich der Stammkeeper verletzt hatte, sah sein Ersatz nur elf Minuten nach seiner Einwechslung die Rote Karte, sodass am Ende die Nummer Drei den Kasten sauber halten musste.

  4. Die 20-Minuten-Gratis-Taktik Um leere Ränge bei der wichtigen Generalprobe für die WM 2030 zu vermeiden, griffen die Organisatoren in Marokko zu einer pragmatischen Lösung. Bei schwach besuchten Partien wurden die Tore etwa 20 Minuten nach Anpfiff einfach für alle wartenden Fans kostenlos geöffnet, was die offiziellen Zuschauerzahlen im Laufe der ersten Halbzeit auf magische Weise vervielfachte.

  5. Schiedsrichter-Gate hinter verschlossenen Türen Kurz vor dem Viertelfinale zwischen Marokko und Kamerun setzte der Gastgeber durch eine offizielle Beschwerde einen kurzfristigen Wechsel des Schiedsrichters durch. Der kamerunische Verband erfuhr erst über die sozialen Netzwerke davon, dass plötzlich ein anderer Unparteiischer auf dem Platz stehen würde, was für massive Verstimmungen bei Samuel Eto’o sorgte.

  6. AirPods statt Funkgerät Für den Aufreger an der Pfeife sorgte Schiedsrichter Abdel Aziz Bouh, der während einer Partie mit weißen AirPods im Ohr gesichtet wurde. Da dieser Look eher nach privater Playlist als nach offizieller Spielleitung aussah, reagierte der Verband prompt und zog den Mauretanier für den Rest des Turniers ab.

Eine letzte Kurve:

Ist der Afrika-Cup die „heile Welt“? Sicher nicht. Er ist korrupt, vom Geld getrieben und oft ein reines Prestige-Objekt für Männer wie Samuel Eto’o oder das alawidische Königshaus. Aber er besitzt eine Qualität, die uns in Europa abhandengekommen ist: Die Fähigkeit, das Spiel trotz all des Drecks drumherum zu genießen, ohne alles sofort in eine verbissene Grundsatzdebatte zu verwandeln.

In Deutschland verteidigen wir das „Sommermärchen 2006“ bis heute fast verkrampft, um den schönen Moment nicht durch die hässliche Wahrheit der Vergabe zu beschmutzen. In Marokko ist der Widerspruch heute schon live sichtbar: Supermoderne Videoüberwachung in den Stadien trifft auf Fans, die ihre Nationalhelden wie Götter feiern, während sie gleichzeitig für bessere Schulen kämpfen.

Am Ende ist der Afrika-Cup eine Lektion in mentaler Beweglichkeit. Er zeigt uns, dass man die Leidenschaft für 90 Minuten Fußball von der berechtigten Kritik am System trennen kann. Marokkos Milliarden-Investition in Stadien ist moralisch kaum zu rechtfertigen, wenn Krankenhäuser fehlen – aber die Freude der Menschen im Stadion ist deshalb nicht weniger echt.

Vielleicht sollte Europas Fußball weniger in Fakten-Checks und mehr in Lebensfreude investieren. Denn wenn wir den Spaß am Spiel nur noch vom sportlichen Erfolg abhängig machen, haben wir eigentlich schon verloren.

Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.

Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.

Bis bald,

Dein SLALOM-Team

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