Nico Schlotterbeck ist einer dieser Spieler, die man nicht übersehen kann. Seine Karriere führte ihn aus dem Freiburger Nachwuchs ins schwarzgelbe Zentrum von Dortmund, in die Nationalmannschaft und immer wieder in die öffentliche Debatte. Er spielt mit einer Wucht, die man sonst eher bei Stürmern verortet, und mit einer Entschlossenheit, die ihn auf jedem Platz sofort zur Hauptfigur macht. Wer ihm zuschaut, versteht schnell, warum Trainer und Fans gleichermaßen von ihm sprechen: Schlotterbeck sprintet, gestikuliert, jubelt, treibt an. Er ist schnell, mutig, laut. Ein Innenverteidiger, der nach vorne denkt und nach vorne spielt.

Doch gerade darin liegt die Spannung, die seine Karriere so faszinierend macht. Schlotterbeck kann aus der Abwehr heraus ein Spiel eröffnen, als sei er ein Zehner. Er spielt Flugbälle regelmäßig hinter die letzte Linie, dribbelt in Räume, die für andere Verteidiger nicht einmal existieren, und sucht immer wieder das Risiko. Gleichzeitig ist er anfällig für jene Momente, in denen es nicht um Mut, sondern um Ruhe geht.

In Dortmund steht er aktuell an einem Scheidepunkt. Sein Vertrag läuft 2027 aus, er zögert seit Monaten mit einer Verlängerung. Spitzenklubs aus ganz Europa sollen ihn auf dem Zettel haben. Doch würde er sich dort wirklich durchsetzen, oder wäre das nicht eine Nummer zu groß für den Blondschopf? Wie sehr formen seine Stärken die Wahrnehmung, und wie oft geraten die Schwächen dabei unter die Räder? All das klären wir in dieser Ausgabe.

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Hier gibt’s was auf die Ohren:

Was fürs Auge

SLALOM-Sechserkette

In der heutigen SLALOM-Sechserkette geht es um Fußballer, die sich eines Tages dachten: Ein bisschen Blond kann nicht schaden. Das Ergebnis war mal mutig, mal rätselhaft, mal ein optisches Statement, das genauso schnell verschwand wie eine frühe Pokalrunde. Blondierung ist im Fußball ja so etwas wie ein riskanter Diagonalball: Wenn er gelingt, sieht’s großartig aus. Wenn nicht, spricht man Jahre später noch darüber. Hier sind sechs Beispiele.

1. Lionel Messi

Messi blondierte sich 2016 nach einer turbulenten Copa América überraschend platinblond und sah aus, als hätte ihn jemand in Mehl gewendet. Der Weltstar wirkte plötzlich wie ein Spieler, der gerade aus dem Instagram-Labor einer Boyband entlassen wurde. Es war eine Phase des Neustarts, aber modisch blieb sie ein Kurzpass in den Seitenaus.

2. Mats Hummels

Hummels’ kurzer Ausflug ins Platinblond war eine der großen Stilfragen der Bundesliga. Er sah damit aus, als hätte man einen Klassiker neu aufgelegt, ohne den Originalton zu treffen. Ein Innenverteidiger mit Weltklasse-Aura, plötzlich im Look eines Ibiza-DJs – es passte einfach nicht zu seinem Spiel, das sonst von Eleganz lebt.

3. Niklas Süle

Süles Blondier-Experiment wirkte, als habe er spontan beschlossen, das Innenverteidigerwesen neu zu interpretieren – optisch zumindest. Seine Haare erinnerten eher an einen versehentlichen Sommerurlaub-Unfall als an eine geplante Stilentscheidung. Süle nahm es mit Humor, der Look blieb eine kurze Episode.

4. Serge Gnabry

Gnabry hat modisch vieles probiert, aber die wasserstoffblonde Phase lag irgendwo zwischen „Modeblogger“ und „Experiment missglückt“. Auf dem Platz blieb er der dynamische Flügelspieler, aber die Frisur lebte in einem eigenen System, das mit dem Spielplan wenig zu tun hatte. Ein Look, der zeigte, dass Stilrisiko nicht immer Stilgewinn bedeutet.

5. Marcelinho

Der Berliner Publikumsliebling war ein Spieler voller Zauber – und gelegentlich voller Friseurrisiko. Seine blondierten Spitzen erinnerten oft an die 90er, obwohl längst 2005 war. Bei ihm passte der Look aber immerhin zur Unberechenbarkeit: Man wusste nie, ob er zwei Tore schießt oder zwei Sprints später gelb-rot kassiert.

6. Pierre-Emerick Aubameyang

Aubameyang war schon immer ein Experte für auffällige Styles, aber seine blonde Phase wirkte, als hätte er versucht, sich selbst in Super-Saiyajin-Level 1 zu cosplayen. Seine Geschwindigkeit passte dazu, der Look weniger. Es war wie bei seinen Torjubeln: Nicht alles musste sein, aber langweilig war es nie.

Eine letzte Kurve:

Nico Schlotterbeck ist ein Spieler, der aus der Abwehr heraus Dinge versucht, die sich andere nicht einmal vorstellen. Seine langen Bälle, seine Dribblings und sein Mut machen ihn zu einem Innenverteidiger, der Spiele verändern kann. Er sprintet, jubelt, zeigt seinen Bizeps, setzt Grätschen wie Ausrufezeichen. Schlotterbeck ist nicht zu übersehen, und vielleicht ist genau das sein größtes Problem. Denn dieselben Eigenschaften, die ihn nach vorn so wertvoll machen, holen ihn hinten immer wieder ein. In der Nationalmannschaft prägten genau diese Momente seine frühen Einsätze: ein verschuldeter Elfmeter beim Debüt, der Patzer gegen Japan bei der WM 2022, der das Vorrundenaus ebnete.

Beim BVB wiederholt sich dieses Muster. Er prägt das Spiel, aber er prägt auch die Gegentore. Dortmund wirkt mit ihm spektakulärer, aber ohne ihn stabiler, und als die Mannschaft im Frühjahr ihre furiose Siegesserie Richtung Champions League startete, war er verletzt. Es entsteht das Bild eines Innenverteidigers, der viel gibt, aber manchmal an der falschen Stelle. Denn auf Innenverteidiger muss man sich verlassen können; wenn sie zu oft ins Risiko gehen, wird es früher oder später brenzlig. Ein Innenverteidiger ist im Idealfall der Bassist einer Mannschaft, zuständig für Rhythmus und Ordnung. Schlotterbeck hingegen neigt zum Solo.

Schlotterbeck ist ein sehr guter Bundesligaspieler, vielleicht sogar einer, der in der richtigen Umgebung noch weiter wachsen könnte. Aber zur absoluten Weltspitze fehlen ihm im Moment jene ruhigen Entscheidungen, die große Innenverteidiger auszeichnen. Er bringt viel mit, er arbeitet an sich, er ist ehrgeizig genug, um besser zu werden. Noch aber ist er der aufregende Spieler, der für jede Mannschaft gleichzeitig ein Sicherheitsrisiko darstellt.

Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.

Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.

Bis bald,

Dein SLALOM-Team

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