Am 27. Dezember 2025 fiel das Tor, das alle sehen wollten. Florian Wirtz traf erstmals für Liverpool und plötzlich wirkte es, als sei etwas „geplatzt“. Der Knoten, die Blockade, das angebliche Problem. Dabei sagte Wirtz selbst nach dem Spiel im Kern etwas völlig Unromantisches: Es war nun einmal so, er musste es akzeptieren und weitermachen. Und Arne Slot legte nach, fast wie ein Kommentar zur gesamten Debatte: Der Fokus liege immer auf Toren und Vorlagen, dabei habe Wirtz mehr getan als nur zu treffen, er war an vielen Momenten beteiligt, in denen Chancen entstehen.

Genau hier beginnt die eigentlich spannende Geschichte. Nicht beim Abschluss, sondern bei der Frage, warum dieser Abschluss überhaupt als Urteilsspruch behandelt wird. War Wirtz wirklich „nicht auf der Höhe“, wie es in England früh zu hören war, oder war er schlicht ein Spieler in einer Mannschaft, die sich selbst noch sucht. Und was sagt ein einziges Tor über einen Sommer, in dem Liverpool gefühlt sein eigenes Traumhaus saniert hat, mit neuen Zimmern, neuen Wegen und einem Trainer, der noch immer Möbel rückt.

Die ZEIT hat schon Anfang Oktober dafür plädiert, die Hysterie auszuschalten und einen Satz wieder zuzulassen, der im Fußball fast als Charakterschwäche gilt: immer mit der Ruhe. Wenig später klang es härter, als die Kritik sich weniger an Wirtz als an Slots Unruhe entzündete. Ende Dezember wurde es dann noch komplizierter. Alexander Isak fiel nach seiner schweren Verletzung monatelang aus. Mohamed Salah war wegen des Afrika Cups vorerst weg. Ausgerechnet in dieser Phase traf Wirtz. Und sofort verschob sich die Frage erneut. Nicht mehr nur, ob er trifft, sondern wo er spielen soll und welche Rolle Liverpool ihm jetzt geben kann.

Diese Ausgabe sammelt die besten, differenziertesten Texte und Stimmen zu genau diesen Fragen. Nicht um Wirtz zu feiern. Sondern um die Debatte zu sortieren. Aber bei uns zählt nicht nur die große Bühne. Unsere heutige Sechserkette handelt von Deutschen, die in England Spuren hinterließen, ohne je zum Mainstream zu gehören.

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SLALOM-Sechserkette

Die Geschichte der Deutschen in England wird meist mit Weltstars erzählt. Mit Champions-League-Siegtorschützen, Rekord-Transfers und Meister-Kapitänen. Doch parallel dazu lief immer eine zweite Spur. Spieler, die nicht als Heilsbringer kamen, sondern sich ihren Platz erarbeiteten, über Jahre hinweg, oft leiser, manchmal kantiger. Diese Sechserkette schaut genau dorthin. Wer fehlt für dich in dieser Liste?

1. Robert Huth

Robert Huth war kein Verteidiger für ästhetische Debatten, sondern für klare Verhältnisse. Bei Stoke City wurde er zur Identifikationsfigur eines kompromisslosen Teams, das in England mehr gefürchtet als geliebt war. Kopfballstärke, Härte und bedingungslose Loyalität machten ihn zum Pfeiler einer ganzen Ära. Der Meistertitel mit Leicester war der späte, fast absurde Höhepunkt einer Karriere, die nie auf Applaus ausgelegt war.

2. Pascal Groß

Pascal Groß kam ohne großes Etikett, blieb ohne großes Ego und wurde doch unverzichtbar. Bei Brighton war er über Jahre Taktgeber, Vorlagengeber und stiller Architekt eines der klügsten Projekte der Liga. Seine Stärke lag nie im Spektakel, sondern im Verständnis für Räume, Tempo und Timing. Groß ist der Beweis, dass man in England auch mit Spielintelligenz Spuren hinterlassen kann.

3. Lewis Holtby

Lewis Holtby war nie der Star bei Tottenham, aber immer präsent. Seine Zeit in England war geprägt von Energie, Laufarbeit und der Suche nach der richtigen Rolle. Bei Fulham fand er später mehr Freiheit, ohne je die große Bühne zu dominieren. Holtby steht für eine Generation deutscher Spieler, die in England eher Arbeiter als Künstler waren.

4. Moritz Volz

Moritz Volz war einer der ersten Deutschen, die sich in der Premier League über Mentalität definierten. Bei Fulham spielte er jahrelang solide, unaufgeregt und zuverlässig, ohne je Schlagzeilen zu produzieren. Sein Spiel passte perfekt zu einem Klub, der über Zusammenhalt kam. Volz war kein Star, aber ein Baustein, und genau das machte ihn wertvoll.

5. Thomas Hitzlsperger

Thomas Hitzlsperger brachte Wucht in ein Mittelfeld, das oft von Technikern dominiert wurde. Bei Aston Villa war er Führungsspieler, Distanzschütze und emotionaler Fixpunkt. Sein linker Fuß war in England gefürchtet, sein Auftreten respektiert. Hitzlsperger bewies, dass deutsche Physis und englisches Tempo gut zusammenpassen können.

6. Shkodran Mustafi

Shkodran Mustafi ist der widersprüchlichste Name dieser Liste. FA-Cup-Sieger mit Arsenal, Weltmeister mit Deutschland, und doch ständig zwischen Anspruch und Kritik gefangen. In England zeigte er Phasen von Stabilität, aber auch spektakuläre Fehler. Mustafi hinterließ Spuren, nicht immer positive, aber spürbare und genau das macht seine Premier-League-Zeit so typisch englisch.

Eine letzte Kurve:

Das Tor hat etwas verändert. Nur nicht Florian Wirtz.

Es hat vor allem die Außenwelt beruhigt. Plötzlich wirkt die gleiche Bewegung im Halbraum weniger wie ein Indiz für Unsicherheit und mehr wie das, was sie oft schon vorher war: ein Versuch, das Spiel zu verbinden. Dass Wirtz selbst den Treffer nicht als Befreiungserzählung verkauft, sondern als etwas, das irgendwann kommen musste, passt zu dem nüchternen Bild, das auch Arne Slot zeichnet. Für ihn war Wirtz nicht erst mit dem Tor wertvoll, sondern schon vorher, weil er an vielen Momenten beteiligt war, in denen Liverpool Chancen herausspielte. Das ist eine kleine, aber wichtige Verschiebung. Weg vom Urteil über Zahlen, hin zur Frage, wie ein Spieler ein Spiel beeinflusst.

Und genau deshalb ist der Reflex, jetzt eine große Wirtz-Wende auszurufen, ungefähr so seriös wie der erste Spieltag als Prognose für den Rest der Saison. Die ZEIT hat das früh formuliert, als sie Wirtz und Woltemade als Gegenstückpaar benutzte, um die Absurdität schneller Wahrheiten zu zeigen. Tore sind bei Stürmern ein Auftrag, bei Spielmachern sind sie oft eine Beilage. Wirtz’ Aufgabe bleibt komplex, und sie wurde nicht einfacher, als Liverpool im Herbst wie eine Mannschaft wirkte, die noch immer probierte, statt zu automatisieren. Dass er dabei zwischenzeitlich mehrere Positionen und verschiedene Rollen bekleidete, trug nicht zur Stabilität bei.

Hinzu kommt die mediale Schieflage, die ein einzelnes Tor so groß macht. Es war kein genialer Treffer, eher ein normaler Abschluss, und doch bekommt er die ganze Bühne. Dabei gab es im selben Moment die Vorlage von Ekitiké, die es verdient hätte, medial bewundert zu werden. Über Ekitikés holprigen Start spricht kaum jemand, weil an ihn trotz eines ähnlich hohen Preisschildes die Erwartungen nicht so hoch wie an Wirtz waren.

Das dieswöchige SLALOM-Fazit ist erstaunlich unaufgeregt. Wirtz ist ein neuer Spieler in einer Mannschaft, die nach einem Sommer voller Veränderungen noch immer nach Klarheit sucht. Es gibt viele Gründe, warum es nicht sofort rund lief, und keiner davon zwingt zu Häme. Genauso wenig zwingt dieses Tor zu Heiligsprechung. Wer sich für Fußball interessiert und nicht für Fieberkurven, sollte daraus nur eines lernen. Gebt den Jungs Zeit. Wirtz wird noch viele Tore schießen. Und vielleicht ist das Beste an diesem ersten nicht der Treffer selbst, sondern dass jetzt für ein paar Tage endlich mal Ruhe ist.

Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.

Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.

Bis bald,

Dein SLALOM-Team

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