
Das Wetter in Zürich war am 20. Juli 2015 außergewöhnlich heiß, sonnig und extrem trocken. Dennoch sollte es Niederschlag in der FIFA-Zentrale geben. Doch der Regen, der sich an diesem Tag über Sepp Blatter ergoss, bestand keineswegs aus einfachem Wasser. Es waren Dollar-Noten, die auf den FIFA-Funktionär herabregneten. Was als satirische Einordnung seiner Geschäftspraktiken gedacht war, wurde im Nachhinein zum Sinnbild für ihn, seine Amtszeit und die gesamte FIFA.
Die Vorwürfe, die gegen Blatter während seiner Zeit als Funktionär erhoben wurden, reichen von A wie Amtsmissbrauch bis Z wie der Zahlung einer unrechtmäßigen Millionensumme. Eine durchaus fragwürdige Personalie also, wenn es darum geht, dem Weltverband der weltweit populärsten Sportart vorzustehen.
Während Interviews zu seiner Amtszeit, in denen er sein Handeln als Präsident rechtfertigte, verteidigte und glorifizierte, noch ein notwendiges Übel waren, staunte man nicht schlecht, als er sich plötzlich kritisch zu den jüngsten Einmischungen von Donald Trump in die Rotsperre von Folarin Balogun äußerte. Hat Joseph Blatter nach seiner Laufbahn eine derart prominente Bühne überhaupt noch verdient?
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Eine letzte Kurve
Sepp Blatter gilt in den Augen vieler Beobachter vor allem als zweierlei: mindestens als Mitwisser, wahrscheinlich auch als Täter. Sei es beim Stimmenkauf, bei der Vergabe von TV-Rechten oder bei mutmaßlichen Kickback-Zahlungen – immer wieder stand sein Name im Zentrum der Anschuldigungen.
Umso bemerkenswerter ist, wie oft sein inhaltlich völlig korrekter Tweet in dieser Woche zitiert wurde, ohne die Person Blatter auch nur ansatzweise einzuordnen. Denn dieser Mann ist kein glaubwürdiger Kronzeuge gegen eine kaputte FIFA, sondern einer derjenigen, die sie über Jahrzehnte erst zu jenem verfilzten, korruptionsverseuchten Machtapparat gemacht haben, als der sie bis heute gilt.
Dass ausgerechnet Blatter sich mehr als zehn Jahre nach seinem Ausscheiden als moralische Instanz aufschwingen darf, lässt einen deshalb schon verwundert die Augen reiben. Dass ihm dafür nicht nur die Mikrofone der Springer-Presse hingehalten werden, sondern auch jene der Öffentlich-Rechtlichen, setzt dem Ganzen die sprichwörtliche Krone auf.
Sepp Blatter nach der Verrohung und Entgleisung des Fußballs zu fragen, ist in etwa so, als fragte man Wladimir Putin nach den Genfer Konventionen und hoffte anschließend noch auf eine ehrliche Antwort. Gerade in diesen Tagen tragen Medien eine besondere Verantwortung. Blatters Aussagen ohne jeden Hinweis auf seine eigene Rolle in der Geschichte der FIFA weiterzutragen, ist deshalb nicht bloß nachlässig, sondern eine journalistische Bankrotterklärung. Es stellt sich also die Frage: Quo vadis, ARD?
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