
Beim FC ist jeder Trainer auch Kommunikationsfigur. Nicht, weil Profifußball plötzlich Talkshow wäre – sondern weil in Köln vier Öffentlichkeiten sofort bewertet: Fans, Medien, Vereinsgremien, Mannschaft. Vier Räume, vier Logiken, ein Mann am Mikrofon.
Lukas Kwasniok ist dafür wie gemacht – und genau deshalb riskant. Er spricht schnell, hart, bildreich. Das wirkt authentisch, manchmal auch unnötig scharf. Ein Satz, der als interner Weckruf gedacht ist, landet als externer Nebenkriegsschauplatz. Und in Köln werden Nebenkriegsschauplätze gern zum Hauptthema. Toni Schumacher hat in „Anpfiff“ diese FC-Spezialität beschrieben: Nähe, Emotion, Nerv – alles dicht beieinander. Wer hier arbeitet, bekommt Resonanz. Immer.
In dieser Ausgabe geht es nicht darum, ob Kwasniok „zu laut“ ist. Sondern um eine nüchterne Frage: Welche Art Trainer hält ein Klub aus, der permanent unter Beobachtung steht? Muss der Coach vor allem Ergebnisse liefern – oder auch die Fähigkeit, den öffentlichen Druck so zu steuern, dass er nicht zurück in die Kabine schwappt?
Denn es gibt zwei Wege, wie Trainer hier scheitern: sportlich – oder kommunikativ, weil jede Woche ein neues Thema entsteht, das niemand mehr eingefangen bekommt. Und genau da wird’s für Kwasniok interessant: Ist seine Streitbarkeit ein Werkzeug, um Energie zu erzeugen? Oder ist sie die Sollbruchstelle, an der Köln im Krisenmoment schneller dreht als andere?
Wir schauen auf das Zusammenspiel aus Ton, Timing und Umfeld – und darauf, wann aus „Kante“ plötzlich „Kontrollverlust“ wird.
Lesestoff: Von Hoffnungsträgern und gescheiterten Existenzen
Hier gibt’s was auf die Ohren:
Das Auge spielt mit:
SLALOM-Sechserkette: Sechs Kölsche Kapitel voller Reibung
Köln ist kein Verein für Flüsterer. Hier wird Fußball nicht nur gespielt, hier wird er verhandelt, auf der Tribüne wie am Stammtisch. Meinungsstark heißt am Rhein oft: lieber eine klare Kante als ein glattes Gesicht. Streitbar heißt: Emotionen riskieren, auch wenn es intern knirscht. Diese Sechserkette versammelt genau solche FC-Typen, die neben dem Ball immer auch die Debatte mitlaufen ließen.
Toni Schumacher
Er war Kölns Torwart, aber oft klang er wie Kölns Gewissen. Als 1987 sein Buch „Anpfiff“ erschien, wurde aus dem Idol eine Reizfigur, mit harten Folgen bis hin zum Bruch mit dem Klub und dem DFB. Schumacher blieb der Typ, der lieber aneckt, als sich passend zu machen. Und genau diese Unbequemlichkeit gehört zu seiner Legende.
Lukas Podolski
Podolski konnte die Stadt umarmen und im selben Atemzug den Verein rügen. 2012 löste seine öffentliche Kritik an Führung und Kurs des FC eine handfeste Vereinsdebatte aus, samt offener Verärgerung und angekündigten Konsequenzen. Er war nie der Diplomat, eher der Heimkehrer mit offenem Visier. In Köln wird so etwas zugleich geliebt und angezählt.
Anthony Modeste
Bei Modeste war nie nur der Torjäger zu sehen, immer auch das Drama um ihn herum. Sein Wechsel 2022 zu Borussia Dortmund war ein Schnitt, der am Geißbockheim noch lange nachhallte. Er spielte oft so, als sei jedes Spiel ein Bewerbungsschreiben. Wenn er da war, war es selten leise.
Tim Lemperle
Streitbar wurde er nicht durch große Reden, sondern durch einen sehr lauten Moment neben dem Platz. Im Mai 2025 geriet Lemperle kurz vor dem entscheidenden Saisonfinale in eine Auseinandersetzung nach einer Party, entschuldigte sich später öffentlich und fehlte dem FC angeschlagen im Aufstiegsendspurt. Köln verzeiht viel, aber es vergisst nichts. Und genau darum bleibt an ihm diese Mischung aus Talent und Reibung haften.
Maniche
Maniche kam mit großem Namen und brachte auch die ganze Schattenseite des Stars mit. 2010 sorgte eine obszöne Geste gegenüber einem Medienvertreter für vereinsinterne Strafen und den typischen Köln-Satz zwischen Empörung und Theater. Er war der Profi, der Talent und Trotz in derselben Bewegung hatte. Ein Spieler wie ein Kurzschluss, hell, laut, nicht lange kontrollierbar.
Albert Streit
Schon der Nachname passt, und Köln hatte sein Kapitel mit ihm. Am 6. Dezember 2005 wurde er zum Zentrum eines der berühmtesten Bundesliga-Skandale, als Duisburgs Trainer Norbert Meier ihn per Kopfstoß attackierte und anschließend den Verletzten spielte. Streit war einer, an dem sich Stimmungen entzündeten, weil er nie so tat, als sei alles harmonisch. Bei ihm war Reibung kein Unfall, sondern Atmosphäre.
Eine letzte Kurve:
In Köln zählt nicht nur, was ein Trainer sagt. Es zählt, wann das Umfeld entscheidet, es gegen ihn zu drehen. Bei Lukas Kwasniok wirken öffentliche Schnitzer im Erfolgsfall wie Folklore: kantig, unterhaltsam, endlich mal Klartext. Solange die Ergebnisse passen, wird aus jeder Spitze ein Charakterzug – und viele finden Gründe, darüber hinwegzusehen.
Wenn die Punkte ausbleiben, kippt die Stimmung. Dann sind es nicht mehr dieselben Sätze, sondern dieselben Belege: für Unruhe, fehlende Kontrolle, mangelnde Professionalität. Das FC-Umfeld ist in Krisen schnell auf 180. Fans, Medien und Vereinsgremien diskutieren nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Ein Satz in einer Pressekonferenz kann eine Kettenreaktion auslösen: Schlagzeile, Aufregung, „Was macht das mit der Mannschaft?“, am Ende die Führungsfrage.
Darum braucht ein Trainer in Köln keinen Entertainer-Job, aber er braucht einen sicheren Umgang mit Öffentlichkeit. Klar sein, ohne neue Fronten zu bauen. Deutlich sein, ohne jede Woche ein Zusatzthema zu liefern. Kwasniok hat Wucht – und genau das macht ihn angreifbar, wenn der Wind dreht. Es ist ein Match auf Zeit: Es funktioniert, solange Punkte den Lärm übertönen. Wenn nicht, wackelt sein Stuhl schnell. Toni Schumacher nennt das in „Anpfiff“ die zweite Halbzeit neben dem Platz. Genau dort entscheidet sich, wie lange ein Trainer in Köln wirklich Ruhe hat.
Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.
Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.
Bis bald,
Dein SLALOM-Team


