Deutschland ist die Nation der Torhüter. Toni Turek, Sepp Maier, Bodo Illgner, Manuel Neuer. Große Namen, die als Nummer Eins den WM-Pokal in die Höhe reckten. Oliver Baumann könnte der nächste in dieser Reihe sein. Noch ist es nicht offiziell bestätigt. Doch nach Neuers Rücktritt aus der Nationalmannschaft und der Verletzung von Marc-André ter Stegen spricht alles dafür, dass der Badener im Sommer für den DFB zwischen den Pfosten stehen wird.

Seine Leistungen sind seit Jahren konstant stark. Doch weil er sie nicht in München, Madrid oder Barcelona zeigt, sondern bei der TSG Hoffenheim, bleibt er oft unter dem Radar. Baumann ist keiner für Schlagzeilen. Er ist einer für Stabilität. Er strahlt Ruhe aus. Er macht kaum Fehler. Und er hat sich seinen Moment verdient.

Baumann ist 35 Jahre alt. Im besten Torwartalter, sagen die einen. Spät dran für ein erstes großes Turnier als Nummer Eins, sagen die anderen. Erfahrung bringt er reichlich mit – in Bundesliga, im Pokal, als Führungsspieler. Was ihm fehlt, ist die große Turniergeschichte. Was er mitbringt, ist alles andere. Und genau deshalb lautet die zentrale Frage dieser SLALOM-Ausgabe nicht, ob er das Zeug dazu hat, sondern wieso er die einzige logische Wahl ist.

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SLALOM-Sechserkette: Die besten Fußball-Dokumentationen

Hinter Kahn, Lehmann und Neuer standen Torhüter, die A-Länderspiele sammelten, Titel gewannen und trotzdem nie zum nationalen Gedächtnis wurden. Sie waren da, wenn sie gebraucht wurden. Oft solide, manchmal prägend, selten ikonisch. Diese Sechserkette erinnert an sechs Keeper, die mehr waren als nur Statisten.

  1. Hans Jörg Butt
    Der Torwart, der Elfmeter schoss und traf. Für Hamburger SV, Bayer 04 Leverkusen und den FC Bayern München war er vom Punkt eine Waffe. 2010 stand er bei der WM in Südafrika im Tor und kam auf vier A-Länderspiele. Butt war nie Glamour, sondern Verlässlichkeit mit ungewöhnlicher Fußnote.

  2. Roman Weidenfeller
    Mit Borussia Dortmund gewann er zwei Meisterschaften und erreichte 2013 das Champions-League-Finale. Sein Nationalelf-Debüt kam spät, 2014 wurde er als dritter Torwart Weltmeister. Im Verein Leitfigur, im DFB-Team Ergänzungsspieler. Ein Keeper mit Timing, aber ohne großes Rampenlicht.

  3. Frank Rost
    2004 Double-Sieger mit Werder Bremen, später Kapitän beim FC Schalke 04. Vier Länderspiele, mehr ließ die Konkurrenz nicht zu. Rost war laut, klug und unbequem. Vielleicht zu eigenständig für eine dauerhafte Rolle im Nationaltor.

  4. Oliver Reck
    Mit Werder Bremen gewann er 1992 den Europapokal der Pokalsieger und 1993 die Meisterschaft. Sieben Länderspiele in einer Übergangszeit. Reck war kein Spektakel, sondern Struktur. Einer, der Spiele ordnete, nicht dominierte.

  5. Helmut Roleder
    Ein Ligaspiel, ein Spieler, totale Konzentration auf Bewegung, Warten und Explosion. Der Film macht sichtbar, wie viel Fußball jenseits von Ballkontakten stattfindet.

  6. Tim Wiese

    Er war Spektakel im Tor, nie Statist. Mit Werder Bremen erreichte er 2009 das UEFA-Cup-Finale und wurde 2012 mit zwei Länderspielen dekoriert. Danach folgte der Bruch, Hoffenheim, das abrupte Karriereende und später der Ausflug ins Wrestling. Wiese war immer größer als die Rolle, die man ihm zugedacht hatte – vielleicht erinnert man sich gerade deshalb an ihn, auch wenn die Zahl seiner Länderspiele klein blieb.

Eine letzte Kurve:

Oliver Baumann spielt mal wieder eine hervorragende Saison. Er ist stabil, abgeklärt und fokussiert. Seine Entwicklung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Konstanz. Sein Spiel ist reif, klar und frei von Eskapaden. Warum sollte der Platz im Tor der deutschen Nationalmannschaft also nicht der Lohn dafür sein?

Bei aller Qualität bleibt eben ein Unterschied. Für einen Stürmer von Weltformat ist es etwas anderes, auf Neuer in seiner Hochphase zuzulaufen als auf Baumann. Neuer hatte diese Aura, diese fast einschüchternde Präsenz. Er verkörperte Risiko und Kontrolle zugleich und führte Deutschland so 2014 zum WM-Titel. Erinnert sei an dieser Stelle an die Parade im Viertelfinale gegen Frankreichs Karim Benzema.

Mit Baumann ist ein gutes Turnier absolut möglich. Auch ein sehr gutes. Aber für den ganz großen Wurf fehlt das letzte, schwer greifbare Element. Der Spielwitz im Aufbau. Die dominante Ausstrahlung. Diese besondere Energie, die die großen Keeper der deutschen Torhüter-Historie oftmals umwehte.

Baumann sollte seine Chance erhalten, sich auf der größtmöglichen Bühne zu beweisen. Er bringt die nötige Qualität dafür mit. Die Erfahrung aus über 400 Bundesligaspielen auch. Für ein tolles Tunier könnte das reichen. Für den Titel wird das nicht reichen, doch dafür hat es bei den letzten beiden WM-Turnieren auch mit Neuer nicht mal annähernd gereicht.

Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.

Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.

Bis bald,

Dein SLALOM-Team

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