
Man schaut nur kurz rein. Eine Folge. Vielleicht zwei. Und plötzlich weiß man, wie viele Quadratmeter Joshua Kimmichs Haus hat, wie der Zeugwart von Manchester City heißt und wie sich Graugänse im Rudel verhalten. Sportdokumentationen sind überall. Wer sich für Fußball interessiert, kommt an diesen Formaten kaum vorbei. Sie versprechen immer dasselbe: Jetzt zeigen wir euch endlich, wie es wirklich hinter den Kulissen des Profifußballs aussieht.
Auffällig ist, wie sehr sich das inzwischen alles ähnelt. Ob bei All or Nothing, bei der Kimmich-Doku im ZDF oder bei Born for this in der ARD. Die Kamera ist immer dabei, aber selten im Weg. Der dramaturgische Spannungsbogen ist überall gleich. Rückschläge werden zur Charakterprüfung, Nähe wird zum Stilmittel, richtig unangenehm wird es für die Protagonisten eher selten. Statt Erklärungen gibt es Emotionen, statt kritischen Einordnungen von Experten gibt es unbelegte Meinungen von Personen aus dem direkten Umfeld. Am Ende sind es meist immer Heldengeschichten. Das Happy End funktioniert auch bei Hollywood-Filmen am besten.
In dieser SLALOM-Ausgabe schauen wir uns an, warum Sport-Dokumentationen gerade so präsent sind, warum sie sich so stark ähneln und wo sie ihre Grenzen haben. Wir nehmen konkrete Beispiele zum Anlass und fragen, wann aus Beobachtung Inszenierung wird, warum Nähe oft wichtiger erscheint als Erkenntnis und weshalb man bei manchen dieser Filme irgendwann das Gefühl bekommt, es sei genug erzählt.
Lesestoff aus verschiedenen Perspektiven:
Hier gibt’s was auf die Ohren:
SLALOM-Spezial: Ein kostenpflichtiger Artikel gratis für dich
SLALOM-Sechserkette: Die besten Fußball-Dokumentationen
Fußball-Dokus sind inzwischen ein eigenes Subgenre im Streaming-Kosmos. Wir haben euch sechs Stücke zusammengestellt, die nicht nur Bilder und Emotionen zeigen, sondern erklären, warum alles so geworden ist.
Rise & Fall: 1860, FCK, VfB
Die Serie folgt drei Traditionsvereinen durch Aufstieg und Absturz und macht sichtbar, wie Fehlentscheidungen, Eitelkeiten und Strukturprobleme sich über Jahre aufstauen. Vereinsgeschichte erscheint hier als langsamer Kontrollverlust, nicht als einmaliger Unfall.Deutschland. Ein Sommermärchen
Die Kamera bleibt im Mannschaftsinneren und beobachtet, wie aus Skepsis Selbstvertrauen wird und aus Funktion ein Gefühl. Der Film lebt davon, dass er Nähe zulässt, ohne sie sofort in Bedeutung zu übersetzen.Sunderland ’Til I Die
Eine Stadt, ein Klub, ein permanenter Ausnahmezustand zwischen Hoffnung und Resignation. Die Serie zeigt Fußball als emotionales Grundrauschen, das nicht abschaltbar ist, selbst wenn sportlich alles schiefgeht.FC Hollywood: Der FC Bayern und die verrückten 90er
Trainer, Stars und Boulevard verschmelzen zu einem Dauerdrama, in dem Erfolg nie Ruhe bringt. Der FC Bayern erscheint als strauchelnder Verein, kein Vergleich zum heutigen Dauermeister.Zidane: A 21st Century Portrait
Ein Ligaspiel, ein Spieler, totale Konzentration auf Bewegung, Warten und Explosion. Der Film macht sichtbar, wie viel Fußball jenseits von Ballkontakten stattfindet.Being Mario Götze
Die Serie erzählt von einem Spieler, der nach dem größten Tor der jüngeren deutschen WM-Geschichte nicht größer, sondern verletzlicher wird und sich neu sortieren muss.
Eine Reaktion, die “Meinung” klare Grenzen aufzeigt
Eine letzte Kurve:
Am Anfang stand die Neugier. Der Wunsch, einmal zu sehen, was sonst verborgen bleibt. Eine Kabine nach dem Spiel, eine Ansprache, ein Konflikt, den man so im Stadion nie mitbekommt. Genau deshalb wurden Sport-Dokumentationen so populär. Sie versprachen einen Mehrwert gegenüber dem Livebild, eine zweite Ebene zum Spiel.
Dass sich viele Sport-Dokus heute so stark ähneln, hat wenig mit fehlender Kreativität zu tun und viel mit Strukturen. Sie sind billig herzustellen, sie treffen auf eine loyale Zielgruppe und lassen sich weltweit vermarkten. Für Plattformen sind sie das ideale Abo-Futter, für Spieler, Vereine oder Verbände eine Gelegenheit zur Imagepflege. Aus der Ausnahme ist ein Dauerformat geworden.
Dabei heißt das nicht, dass Sport-Dokumentationen überflüssig geworden sind. Im Gegenteil. Sie funktionieren dann besonders gut, wenn sie entweder etwas zeigen, das bisher wirklich unbekannt war, oder wenn sie zeitlich distanziert auf Ereignisse blicken, die nicht mehr präsent sind. Das Zauberwort lautet Mehrwert.
Vielleicht liegt die einfachste Antwort auf die Frage, wann es genug ist, genau dort. Eine Sport-Doku ist dann sinnvoll, wenn sie mehr weiß als ihr Publikum oder zumindest mehr verstehen will. Wenn sie Fragen stellt und diese auch fundiert beantwortet. Und wenn sie den Fußball nicht nur zeigt, wie er gesehen werden möchte, sondern auch so, wie er tatsächlich funktioniert. Das gilt übrigens nicht nur für Sport-Dokumenationen, sondern für das gesamte Genre, wie man gerade auch an den überwiegend kritischen Reaktionen auf die neue, auffällig glattpolierte Melania-Trump-Doku sieht.
Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.
Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.
Bis bald,
Dein SLALOM-Team




