
Kampfgeist, Laufbereitschaft und Zweikampfhärte: Das fußballerische Made in Germany scheint von der DFB-Elf zum dritten Mal in Folge nur stiefmütterlich beachtet worden zu sein. Was einst ein fester Bestandteil der deutschen Fußball-DNA zu sein schien, vermissten die 80 Million Bundestrainer zum dritten Mal in Folge.
Wie auch sonst lässt sich das dritte unterirdische Abscheiden bei einer WM in Folge erklären, bei dem Deutschland zwar vier Mal der Favorit, aber insgesamt in nur drei Hälften die bessere Mannschaft war? Doch wo stünde die Nationalmannschaft, wenn man einfach mal einen Gegner “über die Bande wichsen” würde?
Mal wieder, wie nach jeder schlechten Phase der Mannschaft liefern sich die Fachidioten, die im Anlaufverhalten von Jonathan Tah den Grund für das Ausscheiden sehen wollen und das gemeine Fußballvolk, denen einfach nur ein echter Typ fehlt, einen erbitterten Kampf um die Deutungshoheit der Tragödie von Boston.
Wir schauen in dieser Ausgabe darauf, was es mit den sogenannten deutschen Tugenden auf sich hat und ob ihr Fehlen der Grund fürs Ausscheiden gegen Paraguay waren. Außerdem liefern wir euch die Insights zu den nächsten fünf WM-Partien. Da es in dieser Woche etwas weniger Partien als zuvor sind, gibt es die nächste Ausgabe am Freitag.
Lesestoff aus verschiedenen Perspektiven
Hier gibts was auf die Ohren
Fünf Spiele, fünf Linien
Portugal - Spanien
Portugal hat sich gegen Kroatien durchgesetzt, musste in der Nachspielzeit aber gehörig zittern. Nachbarland Spanien dagegen kegelte das hoch gehandelte Österreich fast mühelos aus dem Turnier. Das Duell lautet nun Ronaldo gegen Yamal, aber entscheidender dürfte die Frage werden, ob Nuno Mendes Spaniens rechte Seite wirklich bändigen kann und ob Portugal im eigenen Ballbesitz mehr Lösungen findet als CR7 vors Tor zu bringen. Spanien wirkt runder, stabiler und klarer in seinem Plan, deshalb geht La Roja favorisiert in dieses iberische K.o.-Duell.
USA - Belgien
In diesem Duell geht es nicht nur um ein Viertelfinalticket, sondern vor allem um Folarin Balogun: Der US-Stürmer sah gegen Bosnien-Herzegowina Rot und wäre eigentlich gesperrt gewesen, doch die FIFA setzte seine Sperre kurz vor dem Achtelfinale zur Bewährung aus. Für die USA ist das ein Geschenk, weil Balogun ihr gefährlichster Angreifer ist und dem Gastgeber im letzten Drittel genau die Tiefe gibt, die gegen Belgien entscheidend werden kann. Belgien dürfte die Entscheidung zusätzlich reizen: Gegen Senegal lag das Team zurück, kam trotzdem wieder und zeigte genau jene Trotzreaktion, die auch jetzt gefragt ist. Zu erwarten ist ein enges, emotional aufgeladenes Spiel, in das die USA als Favorit gehen, Belgien aber über individuelle Klasse und die Wut über diese Vorgeschichte gefährlich bleibt. Im Sinne des Sports sollte man den Roten Teufeln die Daumen drücken.
Argentinien - Ägypten
Argentinien spielt wie ein Titelverteidiger, der ernsthaft nach dem nächsten Stern greift. Ägypten hat mit Salah und Marmoush genug Qualität für Nadelstiche, dürfte aber in langen Phasen ohne Ball zu schwimmen beginnen. Wenn Messi weiterhin die Räume findet, die die meisten erst in der Wiederholung erkennen, spricht deutlich mehr für die Albiceleste.
Schweiz - Kolumbien
Die Schweiz hat Algerien dank Geduld und Xhakas Kontrolle aus dem Turnier geworfen, wirkt aber weiterhin bestenfalls zuverlässig und nicht berauschend. Kolumbien bringt mit Luis Díaz, James und viel Tempo auf den Außen mehr Wucht mit und hat bislang einen äußerst abgeklärten Eindruck hinterlassen. Die Nati kann dieses Spiel lange eng halten, doch wenn Kolumbien ins Rollen kommt, spricht etwas mehr für die Südamerikaner.
Frankreich - Marokko
Frankreich geht als Favorit in dieses Viertelfinale, weil kaum ein Team so viel individuelle Qualität hat und auch zähe Spiele über einzelne Aktionen lösen kann. Genau das war zuletzt beim 1:0 gegen Paraguay zu sehen, als Les Bleus lange keine Lösungen fanden, am Ende aber trotzdem gewannen. Marokko sollte das Spiel eng halten, weil die Mannschaft kompakt verteidigt, geduldig bleibt und nach Ballgewinnen schnell in gefährliche Räume kommt. Gegen Kanada zeigte das Team, wie eiskalt es solche Momente inzwischen ausspielt. Marokko ist kein Außenseiter mehr, sondern ein echter Prüfstein auf dem Weg zum Titel. In der Neuauflage des WM-Halbfinals von vor vier Jahren dürfte sich dennoch erneut Frankreich durchsetzen, weil Mbappé, Olise und Dembélé allesamt Spieler für die großen Spiele sind und am Ende für den Unterschied sorgen.
Eine letzte Kurve
Die Erzählung der deutschen Tugenden wurde 1954 geboren, beim wundersamen WM-Erfolg Deutschlands gegen ein überlegenes Ungarn. Die Spielweise der ersten Weltmeister galt automatisch als fußballerische Identität.
Doch Kraft, Wille und Einsatz sind auch außerhalb der Landesgrenzen keine Fremdwörter, sondern notwendige Eigenschaften eines modernen Profifußballers, der teilweise über 50 Spiele pro Saison in diesem physischen Sport zu absolvieren hat. Auch in Spanien, wo die fußballerische Spielidee unterschiedlicher zur deutschen kaum sein könnte, ist ohne Laufbereitschaft kein gepflegtes Tiki-Taka möglich. Wer in Zeiten der Globalisierung des Fußballs noch nach deutschen Tugenden ruft, lebt im Gestern.
Wer daraus schlussfolgert, dass es dann wohl die Farbe der Allianz Arena, die Hand vor dem Mund oder der Gebetskreis rund um Felix Nmecha waren, die den deutschen Fußball in ein Tal der Enttäuschung stürzten, liegt ebenso daneben.
Die Antwort liegt, wie so oft, auf dem Platz. Das gilt für Julian Nagelsmann, der sich mit mehreren Personalentscheidungen verzockte, ebenso wie für die Mannschaft, die auf mehreren Positionen, allen voran hinten rechts, dünn besetzt war. Dass ausgerechnet Jürgen Klopp sämtliche Probleme des deutschen Fußballs lösen soll, ist daher wenig plausibel. Der Blick sollte vielmehr Richtung Otto-Fleck-Schneise gerichtet werden, wo seit Jahren Entscheidungen getroffen werden, die Deutschland im Vergleich zu Frankreich oder England ins Hintertreffen geraten lassen. Solange sich dort nichts ändert, helfen auch keine Debatten über vermeintlich deutsche Tugenden.
Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.
Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.
Bis bald
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