
Spanien hat es bereits geschafft, England und Argentinien träumen noch davon: Dem Einzug ins WM-Finale. Heute Abend steigt das zweite Halbfinale dieser WM und während gestern vor allem das Sportliche im Mittelpunkt stand, ist dieses Aufeinandertreffen zweier Fußballnationen historisch aufgeladen.
Für England geht es um die erste WM-Finalteilnahme seit 60 Jahren, für Argentinien um die Titelverteidigung und ein noch größeres Denkmal für Lionel Messi, der erstmals im Nationaltrikot auf England trifft und heute einmal mehr mit Maradona verglichen wird, der vor 40 Jahren mit der Hand Gottes gegen England Geschichte schrieb.
Wir schauen sowohl auf die Geschichten abseits des Platzes als auch auf die sportlichen Herangehensweisen beider Mannschaften. Am Freitag melden wir uns dann wieder mit der Ausgabe zum Finale.
England - Argentinien
England gegen Argentinien ist eines der brisantesten Duelle der WM-Geschichte. Die Hand Gottes 1986, Beckhams Tritt gegen Simeone 1998, seine Revanche vom Elfmeterpunkt 2002. Seit einem Testspiel 2005 sind sich die beiden Mannschaften nicht mehr begegnet. Nun treffen sie erstmals in einem WM-Halbfinale aufeinander.
Alles läuft über Messi
Bei Argentinien steht selbstverständlich Lionel Messi im Mittelpunkt. Acht Tore hat der 39-Jährige bereits erzielt, kein anderer Argentinier kommt auf mehr als zwei. Ohne Ball wartet Messi inzwischen häufig im Mittelkreis mit der Gelassenheit eines Mannes, der weiß, dass alle anderen auch für ihn laufen. Diese Freiheit bezahlen Julián Álvarez, Rodrigo de Paul und Alexis Mac Allister mit zusätzlichen Kilometern. Kommt der Ball anschließend zurück zu Messi, reichen ihm wenige Momente, um ein Spiel zu entscheiden.
Argentinien hat mit 17 Treffern den besten Angriff des Turniers, die Bilanz wirkt allerdings souveräner als die Spiele. Gegen Kap Verde brauchte der Weltmeister die Verlängerung, gegen Ägypten lag er elf Minuten vor Schluss noch mit 0:2 zurück, auch die Schweiz hielt bis zur umstrittenen Gelb-Roten Karte für Embolo dagegen. Die Albiceleste lebt seit Beginn der K.-o.-Phase am Rand der Klippe und hat es sich dort inzwischen erstaunlich gemütlich gemacht. Zehn ihrer 17 Tore fielen nach der 76. Minute.
Englands doppelte Lebensversicherung
England ist mit diesem Geschäftsmodell bestens vertraut. Auch die Three Lions mussten gegen Mexiko und Norwegen leiden, können sich dabei aber auf zwei außergewöhnlich zuverlässige Lebensversicherungen verlassen. Harry Kane und Jude Bellingham stehen bei jeweils sechs Treffern. Noch nie zuvor erzielten zwei Spieler derselben Mannschaft bei einer WM mindestens sechs Tore. Bellingham traf in den vergangenen beiden Spielen jeweils doppelt und hat Kane nach dessen Golfmatch mit Donald Trump als Publikumsliebling abgelöst.
Die freien Räume für Bellinghams Vorstöße in den Strafraum könnte Argentiniens schmale Formation liefern. Scaloni setzt im Mittelfeld auf Paredes, Enzo Fernández, Mac Allister und De Paul. Das Zentrum ist dadurch extrem giftig und auch passsicher, auf den Außenbahnen entstehen allerdings Lücken. England entwickelt fast drei Viertel seiner Gefahr über die Flügel. Ziehen Saka und Gordon die argentinischen Außenverteidiger auseinander, kann Kane zurückfallen und Bellingham in die geöffneten Räume stoßen.
Wo England verwundbar ist
Auf der anderen Seite droht England genau im Zentrum überladen zu werden. Rice und Anderson treffen auf vier argentinische Mittelfeldspieler, während Messi dorthin spaziert, wo niemand für ihn zuständig ist. Auch die englische Defensive wirkte im Verlauf des Turniers zunehmend anfällig.
Thomas Tuchel weiß das und war nach dem 2:1 gegen Norwegen entsprechend schlecht gelaunt. Seine Mannschaft spiele zu langsam, zu schlampig und habe Glück gehabt. Bellingham sah das naturgemäß anders. Dass Trainer und Matchwinner nach einem Halbfinaleinzug öffentlich darüber streiten, ob der Sieg gut genug war, könnte zum Problem werden, ist jedoch kein Novum in einer von Tuchel betreuten Mannschaft.
Mehr als nur ein Halbfinale
Auch abseits des Rasens bringt die Partie genügend Sprengstoff mit. Der Falklandkrieg, die Hand Gottes und mehrere aufgeheizte WM-Duelle begleiten jede Begegnung zwischen beiden Ländern. Vor dem Spiel riefen argentinische Kriegsveteranen dazu auf, das Halbfinale als Sportereignis zu behandeln. Die Polizei in Atlanta erhöht dennoch ihre Präsenz.
Zu erwarten ist eine körperliche und taktisch enge Partie. Argentinien wird das Zentrum verdichten und auf Messis Momente warten, England über die Flügel und Bellinghams Läufe kommen. Beide Mannschaften sind bei Standards gefährlich, beide haben bei dieser WM bereits sechs Gegentore kassiert und beide bewiesen mehrfach, dass sie auch schlechte Spiele überleben können.
Auf dem Papier ist England aufgrund seiner Breite im Kader und der besseren Möglichkeiten über Außen hauchdünn favorisiert. Argentinien hat dafür Lionel Messi und bislang jedes seiner fünf WM-Halbfinals gewonnen. Doch was zählt in einem WM-Halbfinale schon die Historie?
Guter Stoff
Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.
Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.
Bis bald
Dein SLALOM-Team


