
Vorrunde, Achtel-, Viertel- und Halbfinale. Was 2014 noch Meilensteine auf dem Weg zum WM Titel waren, sind die Endstationen der DFB-Elf bei den letzten fünf großen Tunieren. Zweifelsohne befand sich der deutsche Fußball vor 12 Jahren auf einem Hoch, welches sich höchstens mit dem der 70er Jahre vergleichen lässt. Erreicht das Team um Nagelsmann in den USA nicht das Finale, verginge zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte eine Dekade, ohne dass eine DFB Auswahl ein Finale erreicht. Ein Tiefpunkt.
Doch hat die deutsche Jugend das Kicken verlernt? Oder haben die Fußballlehrer das Lehren verlernt? Sind die NLZs, ein Produkt der frühen 00er Jahre, nicht mehr zeitgemäß? Fragen, die gestellt werden müssen, aber teilweise verkennen dass in der Bundesliga immer wieder junge Spieler aus der Jugend nachrücken. Für den DFB laufen diese Spieler aber nur selten auf – obwohl sie es dürften. Stell dir vor, du bist deutsch und keiner ruft an.
Überspitzt, mit Sicherheit. Doch wer ernsthaft behauptet von Yildiz, Uzun, Wanner, Tilman und Stanisic, um nur ein paar Namen zu nennen, ließ sich keiner überzeugen für die Nationalmannschaft aufzulaufen, ist schief gewickelt. Doch woran liegt es, dass sich reihenweise junge Spieler gegen den DFB und für andere Verbände entscheiden?
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Uzun spielt für die Türkei! Gehen Deutschland die Talente flöten? FRAG CALCIO
CALCIO BERLIN · Episode
Das Auge spielt mit
SLALOM-Sechserkette: Große Versäumnisse des DFB
Der deutsche Fußball war lange Exportweltmeister für Talent und zugleich erstaunlich sicher in der Annahme, dass die Besten schon beim DFB landen würden. Doch ausbleibender Erfolg, Überheblichkeit und Identität haben dieses Bild verändert. Immer öfter entscheiden sich Spieler mit deutschem Hintergrund bewusst für andere Nationalteams. Mal aus Überzeugung, mal wegen klarerer Perspektiven, mal weil sie sich dort früher gebraucht fühlen. Diese Sechserkette zeigt keine verlorenen Weltstars, sondern verpasste Chancen für den DFB.
1. Kevin-Prince Boateng
Der ältere der Boateng-Brüder war nie ein einfacher Fall – aber genau das machte ihn besonders. Aufgewachsen in Berlin, früh im DFB-System, dann der Bruch nach U21-Zeiten. Boateng entschied sich 2010 für Ghana und wurde dort sofort zur Symbolfigur, WM-Viertelfinale inklusive. Deutschland bekam Struktur, Ghana bekam Charakter.
2. Hakan Çalhanoğlu
In Mannheim geboren, in Karlsruhe ausgebildet, mit dem linken Fuß eines Künstlers – und doch nie ernsthaft im DFB-Kosmos verankert. Früh für die Türkei entschieden, dort Kapitän und Taktgeber geworden. Deutschland fehlte ein Spielmacher mit Distanzschuss und Haltung. Die Türkei bekam ihr Gesicht im Mittelfeld.
3. Nuri Şahin
Mit 16 Bundesliga-Debüt, mit 17 Nationalspieler – allerdings für die Türkei. Şahin galt als Jahrhunderttalent, das auch für Deutschland hätte spielen können. Seine Karriere verlief nicht geradlinig, aber seine Bedeutung für den türkischen Fußball bleibt. Der DFB verlor nicht nur Talent, sondern auch ein Stück Zukunftsvision.
4. Yunus Mallı
Technisch stark, spielintelligent, in Mainz einer der feineren Zehner seiner Zeit. Mallı durchlief deutsche U-Nationalteams, entschied sich 2015 dann für die Türkei. Kein Weltstar, aber genau der Spielertyp, der deutschen Kadern oft fehlte: verbindend, kreativ, unaufgeregt effektiv. Einer, den man erst vermisst, wenn er nicht da ist.
5. Malik Tillman
Bayern-Ausbildung, US-amerikanischer Vater – und die Entscheidung für die USA im Jahr 2022. Tillman ist kein Lautsprecher, sondern ein moderner Offensivspieler zwischen den Linien. Für die USA ein Baustein der Zukunft, für Deutschland ein stiller Abgang. Einer, der nicht ging, weil er nicht konnte, sondern weil er nicht musste.
6. Can Uzun
Der vielleicht aktuellste Fall – und einer, der weh tut. In Regensburg geboren, beim 1. FC Nürnberg zum Shootingstar gereift, entschied sich Uzun 2024 für die Türkei. Ein Offensivtalent mit Instinkt, Dynamik und Torzug. Während Deutschland noch sortiert, baut sich die Türkei ihre Zukunft – auch mit Spielern, die hier ausgebildet wurden.
Eine letzte Kurve
Die Versäumnisse, die größtenteils auf das Konto von Oliver Bierhoff, Joachim Löw und Julian Nagelsmann gehen, junge Talente für den DFB zu gewinnen, sind ärgerlich. Ob die Ergebnisse der vergangenen Turniere mit diesen Spielern jedoch anders ausgefallen wären, bleibt fraglich.
Überheblichkeit im Umgang mit Spielern, die dem DFB noch neutral gegenüberstehen, kann sich der größte Sportverband der Welt jedoch de facto nicht mehr leisten. Neben Titelchancen spielen längst auch andere Faktoren eine entscheidende Rolle bei der Wahl der Nationalmannschaft. Verbände wie die von Kroatien, Österreich oder der Türkei überzeugen junge Spieler zunehmend durch frühzeitige Wertschätzung und konsequente Ansprache.
Denn wenn eine Finalteilnahme ohnehin in weiter Ferne liegt, gewinnen Spielzeit, Anerkennung und ein Gefühl von Verbundenheit an Bedeutung. Besonders gegenüber dem Verband, der von Anfang an an die eigene Karriere geglaubt hat.
Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.
Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.
Bis bald
Dein SLALOM-Team


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