
Italien war einmal das Land, in dem der Fußball wie ein altes Familienrezept weitergegeben wurde: streng bewacht, stolz serviert, manchmal ein wenig verbittert, aber immer mit hoher Qualität. Heute wirkt dieses Rezept verdorben. Die Squadra Azzurra verpasst die Weltmeisterschaft zum dritten Mal in Folge, obwohl das Turnier größer ist als je zuvor. Was früher undenkbar schien, fühlt sich inzwischen nicht mehr wie ein Schock an, sondern wie ein Déjà-vu.
Die Krise endet nicht bei der Nationalmannschaft. In der Champions League spielten Italiens Klubs in dieser Saison nur Nebenrollen, der letzte Sieger hieß Inter Mailand 2010. Die Stars der Serie A sind in die Jahre gekommen, Klubs wie Juventus und Milan trauern ihrer jüngeren Vergangenheit vor 10, 20 Jahren hinterher. Premier League und La Liga sind längst enteilt, die Top-Spieler zieht es seit Jahren fort.
Italiens Absturz kam nicht über Nacht, er ist das Ergebnis einer jahrelangen Fehlentwicklung. In dieser Ausgabe schauen wir deshalb nicht nur auf die verpasste WM-Qualifikation, sondern auf die tieferen Risse im Fundament. Wie konnte aus einer Fußballnation mit vier Weltmeistertiteln ein Land werden, das selbst an einer aufgeblähten WM mit 48 Teilnehmern scheitert? Und was sagt der Niedergang der Serie A darüber aus, wie schnell Größe im Fußball zur Erinnerung werden kann?
Vorhang auf.
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SLALOM-Sechserkette: Geschichten des Scheiterns
Es gibt Niederlagen, die wehtun. Und es gibt Abstürze, die eine ganze Fußballnation umschreiben. Gerade Nationalteams leben von Epochen, von Jahrgängen, von einem Gefühl historischer Unvermeidlichkeit. Wenn dieses Gefühl verschwindet, bleibt oft nicht nur sportliche Leere, sondern auch ein Kratzer im Selbstbild. Diese sechs Fälle sind deshalb so spannend, weil sie zeigen, wie schnell aus Glanz Gewohnheit, aus Gewohnheit Stillstand und aus Stillstand Krise werden kann. Hier ist die Sechserkette.
1. Ungarn nach 1954
Kaum eine Mannschaft fiel tiefer von einem höheren Gipfel. Die „Goldene Elf“ verlor 1954 völlig überraschend das WM-Finale gegen Westdeutschland, obwohl sie zuvor 31 Länderspiele in Serie ungeschlagen geblieben war; der Ungarn-Aufstand 1956 und die Emigration zentraler Spieler wie Ferenc Puskás beschleunigten dann das Ende dieser Ära endgültig.
Das Tragische ist, dass Ungarn sportlich nicht sofort verschwand, aber nie wieder diese weltverändernde Aura fand. Aus der vielleicht modernsten Mannschaft ihrer Zeit wurde eine Fußballmacht der Vergangenheit.
2. Niederlande nach 1974
Die Niederlande verloren 1974 das WM-Finale, erreichten 1978 noch einmal das Endspiel und wirkten trotzdem danach wie eine Idee, der plötzlich die Spieler für ihre eigene Schönheit fehlten. In den 1980ern verpasste Oranje die WM 1982, die EM 1984 und die WM 1986.
Das war weniger ein Absturz in die Bedeutungslosigkeit als ein bitteres Versickern von „Total Football“ in verpassten Chancen. Gerade deshalb wirkt dieser Downfall so niederländisch: ästhetisch groß, historisch unvollendet.
3. Brasilien nach 2002
Hier muss man fair bleiben: Brasilien war nach 2002 nicht plötzlich schwach. Es gewann weiter große Titel und erreichte bei Weltmeisterschaften mehrfach die K.-o.-Phase, aber die alte Gewissheit, dass Brasilien am Ende sowieso Recht behält, zerbröselte Schritt für Schritt. 2014 bekam dieser Verlust mit dem 1:7 gegen Deutschland sein traumatisches Symbol.
Seitdem wirkt Brasilien oft wie eine Supermacht ohne klare Erzählung. Viel Talent, viel Erwartung, aber kein dauerhaftes Turniergesicht mehr, das an 1958, 1970 oder 2002 erinnert.
4. Spanien zwischen 2012 und 2024
Spanien ist der Sonderfall dieser Liste, weil der Downfall irgendwann wieder endete. Nach EM 2008, WM 2010 und EM 2012 kam der tiefe Bruch mit dem Vorrunden-Aus bei der WM 2014, dem Achtelfinal-Aus bei der WM 2018 und dem erneuten WM-Aus im Achtelfinale 2022.
Das war kein totaler Kollaps, eher ein langer Schatten der größten Mannschaft ihrer Geschichte. Spanien spielte oft noch gut, aber nicht mehr einschüchternd. Erst der EM-Titel 2024 machte aus dem Niedergang wieder eine Übergangsphase.
5. Italien nach 2006
Weltmeister 2006, dann Vorrunden-Aus 2010, Vorrunden-Aus 2014, verpasste Weltmeisterschaften 2018, 2022 und inzwischen auch 2026: viel härter kann ein postheroischer Absturz kaum aussehen. Gerade für ein Land, das sich über Turnierfußball, Zähigkeit und historische Gravitas definiert, ist das beinahe surreal.
Das Bittere an Italien ist die Unlogik des Falls. Dazwischen stand sogar der EM-Titel 2021, und trotzdem wirkte die Nazionale über Jahre wie eine Großmacht, die nur noch in Erinnerungen zuverlässig war.
6. Deutschland nach 2014
Auch Deutschland gehört in diese Reihe, gerade weil der Fall so untypisch deutsch verlief. Auf den WM-Titel 2014 folgten das WM-Vorrunden-Aus 2018, der schwache Nations-League-Zyklus, das Aus im Achtelfinale der EM 2021 und das nächste WM-Vorrunden-Aus 2022.
Bei Deutschland war es kein Mangel an Struktur, sondern plötzlich ein Mangel an Selbstverständlichkeit. Die Maschine lief noch, aber sie wirkte nicht mehr unaufhaltsam, sondern erstaunlich störanfällig. Dass sich das Team unter Nagelsmann und mit dem Viertelfinale bei der EM 2024 wieder stabilisierte, ändert nichts daran, wie tief dieser Bruch war.
Eine letzte Kurve
Wie konnte Italien so tief fallen? Nicht, weil ein Elfmeterschießen in Bosnien schlecht lief. Auch nicht, weil mit Gennaro Gattuso der falsche Mann an der Seitenlinie stand. Sondern, weil die Nation ihr Bild vom Fußball verlor, ohne ein neues zu zeichnen. Den schönsten Fußball hatten die Italiener nie, aber immer eine Handschrift. Sie konnten leiden, warten, zuschlagen. Sie spielten erwachsenen Fußball. Heute wirkt die Squadra Azzurra wie eine Mannschaft, die im Museum ihrer eigenen Historie umherirrt. Der Catenaccio ist nur noch eine Geschichte. Italien hat nicht nur Spiele verloren, sondern seine fußballerische Identität.
Nach drei verpassten Weltmeisterschaften in Folge müsste in Italien Ausnahmezustand herrschen. Stattdessen hat man das Gefühl, der Verband verwaltet seinen Niedergang eher als ihn zu bekämpfen. Der Niedergang der Serie A passt dazu. Die Liga hat noch Namen, Wappen und Geschichte. Aber Geschichte gewinnt keine Spiele. Und wie unsere Sechserkette zeigt, kann Größe im Fußball schnell zur Erinnerung werden.
Ganz hoffnungslos ist die Lage trotzdem nicht. Italien hat die Mittel, um ein Comeback hinzulegen. Ein Ausländerverbot wie 1966 oder verschärfte Regeln zu Neuverpflichtungen wie 2002 können jedoch nicht die Lösung sein. Italiens Krise lässt sich nicht durch Abschottung lösen, sondern nur durch bessere Ausbildung und das Vertrauen in junge Spieler. Sowohl in der Liga als auch in der Nationalelf.
Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.
Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.
Bis bald
Dein SLALOM-Team





