
Wann immer ein großes Tunier ansteht, schlagen sich die Experten darum, den heimlichen Favoriten auszumachen. Erstmals seit 2002 ist bei dieser WM auch die Türkei im Spiel.
Doch statt mit gemäßigter Erwartungshaltung startet die Elf von Trainer Vincenzo Montella mit einem großen Berg Vorschusslorbeeren ins Tunier. Nach nur zwei Spielen, keinem eigenen Tor und ohne Autokorso steht fest: Die Reise ist früher zu Ende als es die größten Skeptiker prognostiziert hatten.
Doch war die Erwartungshaltung gegenüber dieser Mannschaft gerechtfertigt? Und wo ist der Hahn, der nach dem Ausscheiden kräht?
Lesestoff aus verschiedenen Perspektiven
Hier gibts was auf die Ohren
Acht Spiele, acht Linien
Argentinien - Österreich
Österreich hat gegen Jordanien die Pflicht erfüllt, doch gegen Argentinien beginnt der echte Rangnick-Test. Der Titelverteidiger wirkte zum Auftakt abgeklärt, rund und mit einem Messi, der noch immer aussieht, als hätte er den Fußball erfunden. Österreich kann über Pressing unangenehm werden, aber Argentinien bleibt klarer Favorit.
Frankreich - Irak
Frankreich gewann zum Auftakt gegen Senegal 3:1, ohne wirklich zu glänzen, was bei Deschamps inzwischen fast schon zur Turnierästhetik gehört. Irak hielt gegen Norwegen nur phasenweise mit, ehe Haaland und Co. aus einem ordentlichen Auftritt ein 1:4 machten. Alles andere als ein französischer Sieg wäre eine große Überraschung, auch wenn Les Bleus erneut auf ein Feuerwerk verzichten und eher über Kontrolle zum Erfolg kommen werden.
Norwegen - Senegal
Norwegen startete mit einem 4:1 gegen Irak und einem Haaland-Doppelpack fruios in die WM, doch Trainer Solbakken warnt vor Senegals Tempo und Umschaltkraft. Die Afrikaner verkauften sich gegen Frankreich teuer, müssen vor dem Tor aber kälter werden, um die K.-o.-Runde zu erreichen. Nach dem 1:3 gegen Frankreich steht man bereits unter Druck und darf sich nicht nur an Haaland festbeißen, weil Norwegen längst mehr ist als ein Mann mit Wikingerzopf im Strafraum. Das riecht nach einem offenen, körperlichen Spiel mit vielen Läufen in die Tiefe und einigen Toren.
Jordanien - Algerien
Algerien steht nach dem 0:3 gegen Argentinien bereits unter Druck, weil Platz zwei in dieser Gruppe nur mit einem Sieg realistisch bleibt. Jordanien hielt gegen Österreich ordentlich dagegen, ist individuell aber klar limitiert. Wenn Algerien seine Offensivqualität sauberer auf den Platz bekommt, spricht vieles für die Wüstenfüchse.
Portugal - Usbekistan
Portugal enttäuschte gegen die DR Kongo massiv und wirkt weiter gefangen in der Ronaldo-Frage. Usbekistan hat bei seinem WM-Debüt gegen Kolumbien ordentlich mitgehalten, dürfte gegen Portugals individuelle Qualität aber erneut viel verteidigen müssen. Portugal ist Favorit, aber nur dann, wenn aus Ballbesitz endlich wieder Gefahr wird.
England - Ghana
England war einer der großen Gewinner des ersten Spieltags und wirkte unter Tuchel offensiver, mutiger und frischer als bei früheren Turnieren. Ghana gewann gegen Panama spät, aber nicht schön, und wird gegen Kane, Bellingham und Co. deutlich mehr aushalten müssen. Alles andere als ein englischer Sieg wäre eine Überraschung.
Panama - Kroatien
Kroatien hat gegen England nicht schlecht gespielt, wirkte aber in den entscheidenden Momenten zu alt und zu langsam. Panama steht nach der Last-Minute-Niederlage gegen Ghana schon mit dem Rücken zur Wand, bringt aber Körperlichkeit und Standards mit. Kroatien ist Favorit, muss dieses Spiel aber gewinnen, wenn aus Turniererfahrung nicht Turniermüdigkeit werden soll.
Kolumbien - DR Kongo
Die DR Kongo holte gegen Portugal nicht durch Betonfußball einen Punkt, sondern spielte mutig mit und bestätigte damit die These dieser WM: Die Kleinen sind keine Staffage. Kolumbien gewann zum Auftakt gegen Usbekistan und bringt mit Luis Díaz, James und viel Turniererfahrung mehr Qualität mit. Leichter Vorteil Kolumbien, aber dieses Spiel kann unangenehm eng werden.
Eine letzte Kurve
Insbesondere auf Social Media wurde die Türkei durch lautstarke Anhänger zum (Geheim-)Favoriten erklärt. Und das klägliche Ausscheiden gegen Australien und Paraguay mit keinem geschossenen Tor ist einer solch stolzen Fußballnation nicht würdig.
Dennoch lohnt sich ein genauer Blick. Der Mannschaft fehlte Erfahrung. Kein einziger Spieler nahm zuvor an einer Weltmeisterschaft teil. Und auch wenn nur wenige Australier und Paraguayer in den Top-5-Ligen aktiv sind, handelt es sich nicht um Laufkundschaft. Australien spielt das zweite gute Tunier hintereinander und verfügt über genug Effizienz, um eine naive Mannschaft zu schlagen.
Die Türkei unterliegt ganz gerenell dem Trugschluss der „Kleinen“, die es so schon lange nicht mehr gibt. Diese WM zeigt bisher eindrucksvoll die Möglichkeiten der Außenseiter auf und verschiebt den Fokus von den europäischen und südamerikanischen Teams auf den Rest der Welt. Sie dient als Spiegel für den europäischen Fußball, der zwar qualitativ besser ist alles vieles andere, aber nicht der Nabel der Welt.
Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.
Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.
Bis bald
Dein SLALOM-Team


