In Teil 1 unserer Serie „Traditionsvereine in unruhigen Gewässern“ warfen wir einen Blick auf den TSV 1860 München. Heute reisen wir an den Niederrhein. Zu einem Klub, der nicht abgestürzt ist, aber seit Jahren das Gefühl vermittelt, auf der Stelle zu treten. Zu einem Verein, der einst den Bayern über Jahre Paroli bot, der aber auch vor fünf Jahren noch in der Champions League für Furore sorgte. Es geht um Borussia Mönchengladbach.

Gladbach war einmal Synonym für Tempo, Mut und jugendliche Unbekümmertheit. Die Fohlenelf der Siebziger spielte, als hätte sie den Wind gepachtet. Meisterschaften, UEFA Pokal, große Nächte gegen Inter und Liverpool. Noch heute lebt der Klub von diesem Echo. Doch das Echo wird leiser. Seit dem Abschied von Max Eberl fehlt die klare Handschrift, die Transfers wirken planlos, Trainer kommen und gehen, ohne der Mannschaft ihren Stil zu verinnerlichen. Der Anspruch aus der Eberl-Zeit schwebt über dem Borussia Park, die Realität heißt jedoch Abstiegskampf.

Dabei ist Gladbach kein Chaosverein. Es gibt keine Schlagzeilen über dubiose Investoren, keine existenzielle Stadionfrage, kein sportlicher Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Und vielleicht liegt genau darin das Problem. Die Unruhe ist subtiler. Sie steckt in der Frage, wofür dieser Klub eigentlich noch steht. In dieser Ausgabe schauen wir hinter die Fassade eines Vereins, der mehr ist als sein Tabellenplatz, aber weniger als sein Mythos. Wir fragen, was strukturell schiefläuft und wie es zur aktuellen Situation kommen konnte.

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SLALOM-Sechserkette: Sechs Traditionsvereine in unruhigen Gewässern

In Teil 1 unserer Serie beleuchteten wir den deutschen Meister von 1966, den TSV 1860 München. Doch neben den Münchnern und den Gladbachern gibt es zahlreiche weitere Traditionsvereine, die zuletzt nicht an die großen Erfolge vergangener Tage anknüpfen konnten. Diese Sechserkette zeigt sechs besonders hart getroffenen Vereine.

  1. FC Schalke 04

    Von der Champions League in die 2. Liga. Innerhalb von zwei Jahren. Viele Traditionsvereine sind abgestürzt. Doch nirgends ging’s so schnell wie bei Königsblau. Ein kleiner Trost ist die aktuelle sportliche Situation mit Aussicht auf eine Rückkehr in die Bundesliga in diesem Jahr.

  2. 1. FC Kaiserlautern
    Viermal deutscher Meister, zweimal Pokalsieger. Im 20. Jahrhundert gehörte der FCK zu den Größen im deutschen Fußball. Eine Reihe von folgenschweren Fehlentscheidungen in den 2000er Jahren führten bis zum Absturz in die 3. Liga. Inzwischen sind die Pfälzer wieder in besseren Sphären unterwegs, doch die Tiefe des Falls sucht ihresgleichen.

  3. Eintracht Braunschweig
    Kaum ein Verein schwankt so regelmäßig zwischen Hoffnung und Existenzkampf wie Eintracht Braunschweig. Deutscher Meister 1967, UEFA-Pokal-Teilnehmer in den Siebzigern, 2013 nach 28 Jahren zurück in der Bundesliga – die Eintracht kennt die großen Bühnen. Doch Stabilität ist ihr fremd. Nach dem Abstieg 2014 folgten Jahre zwischen Liga 2 und 3, immer begleitet von wirtschaftlichem Druck. Auch aktuell geht es weniger um Visionen als um den Klassenerhalt.

  4. MSV Duisburg
    Kein Traditionsverein aus dieser Liste ist in den vergangenen Jahren so hart auf dem Boden der Realität gelandet wie der Meidericher SV aus Duisburg. Vizemeister im ersten Bundesliga-Jahr 1964, viermal im DFB-Pokalfinale, 1979 im UEFA-Cup-Halbfinale – die Zebras waren einst eine Institution im deutschen Fußball. Seit dem Bundesliga-Abstieg 2008 aber ging es sportlich fast nur noch bergab. 2013 folgte die Insolvenz, 2023 schließlich der Absturz in die Regionalliga. Aktuell grüßt der MSV von Platz 3 in der 3. Liga.

  5. Werder Bremen
    Double-Sieger 2004, DFB-Pokalsieger 2009. Die letzten Erfolge der Grün-Weißen sind noch gar nicht so lange her. Doch angesichts der Auftritte in den letzten Jahren scheinen sie eine Ewigkeit her. Der Niedergang erfolgte langsam, doch kontinuierlich. In der aktuellen Saison wird den Werderanern die zurückhaltende Transferpolitik der letzten Jahre zum Verhängnis. So droht der zweite Abstieg innerhalb von fünf Jahren.

  6. 1860 München

    Kein Traditionsverein aus dieser Liste ist so weit weg von Ruhm und Erfolgen vergangener Tage wie der TSV 1860 München. Das Gründungsmitglied der Bundesliga dümpelt seit dem Abstieg aus der 2. Liga 2017 in der Bedeutungslosigkeit herum. Im Sommer herrschte in Giesing Aufbruchsstimmung durch die Transfers von Kevin Volland und Florian Niederlechner. Ein halbes Jahr später ist der Aufstieg zwar noch nicht vom Tisch, doch Platz 8 in der 3. Liga dürfte die blau-weißen Anhänger nicht wirklich zufriedenstellen.

Eine letzte Kurve

Vor fünf Jahren spielte Borussia Mönchengladbach Champions League unter Marco Rose. Das war kein Ausreißer, sondern das Resultat einer klaren Strategie von Max Eberl. Mutiges Scouting, gezielte Verkäufe mit Gewinn und eine Mannschaft mit klarer Hierarchie prägten diese Phase. Führungsspieler wie Kramer, Stindl und Jantschke gaben Stabilität, während Transfers wie Zakaria, Pléa oder Koné sportlich einschlugen und später hohe Ablösen einbrachten. Kader, Spielidee und Wirtschaftlichkeit passten zusammen.

Doch Eberl ist nicht nur Architekt des Aufschwungs. Er hat auch den Nährboden für den Abschwung gelegt. Zwischen 2022 und 2023 gingen Leistungsträger wie Ginter, Thuram und Bensebaini ablösefrei. Das kostete nicht nur Qualität, sondern auch Millionen. Unter Roland Virkus folgte keine strategische Neuausrichtung, sondern Verwaltung. Trainer kamen und gingen, mit jeder Entlassung ging ein Stück Identität verloren.

Heute steht Gladbach dort, wo ein Traditionsverein niemals stehen will: im Abstiegskampf. Nicht existenziell bedroht wie Duisburg oder 1860 zeitweise, wirtschaftlich ist der Klub stabil. Aber sportlich sind alle Warnzeichen da. Harmlosigkeit im Angriff. Wackelige Defensive. Keine klare sportliche Strategie.

Der Niedergang kam nicht über Nacht. Er begann, als aus der Entwicklung unter Eberl Stillstand unter Virkus wurde. Noch ist nichts verloren. Doch die Bundesliga ist kein Schutzraum für Tradition. Wer schlecht spielt, rutscht. Und wer einmal rutscht, kann schneller fallen, als ihm lieb ist.

Danke, dass du SLALOM heute begleitet hast. Wir hoffen, die Kurve hat sich gelohnt.

Nächste Woche steuern wir das nächste Thema an. Hast du Themen, die dich beschäftigen oder möchtest du deine Meinung zur heutigen Thematik mit uns teilen? Dann schreibe uns gerne eine Nachricht auf Instagram oder per Mail.

Bis bald
Dein SLALOM-Team

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